Filmscreening 17/07 - 10/11

“Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen." 

 

Die im deutschsprachigen Raum heute wahrscheinlich prominenteste Definition dafür, was politischen Protest und Widerstand jeweils im Kern auszeichnet, erschien 1968 auf dem Höhepunkt der damaligen Studentenbewegung. Nicht zufällig, wie man aus heutiger Sicht allzu einfach feststellen mag, hat sich dieses Zitat von der damals für den Merkur als Journalistin tätigen Ulrike Meinhof tief in das kollektive politische Gedächtnis hierzulande eingeprägt. Dessen ungeachtet bleibt rückblickend häufig die Tatsache, dass zum Zeitpunkt des Geschehens die unfassbaren politischen und gesellschaftlichen Dynamiken und Kräfte, die hierbei freigesetzt werden, alles andere als klar und wohlsortiert vorliegen. 

 

Was alle Proteste – vergangene wie aktuelle – eint, ist ein vorangegangener Vertrauensbruch in die bestehenden Verhältnisse. Dieser Bruch reicht in der Regel so tief, dass er ein relativ abstraktes Phänomen, wie das einer empfundenen „Ungerechtigkeit”, in konkrete politische Handlungen umzuwandeln vermag. Die folgenden Proteste können sich in vielfältiger Formen äußern, deren Bandbreite heute allgegenwärtig scheint: als Aufkleber im Stadtbild, als Flugblätter einer Bürgerinitiative, in Form von Kundgebungen und Demonstrationen, Flashmobs, Streiks oder Boykott.

 

Angetrieben von dem Wunsch, die Verhältnisse so zu verändern, dass die von der Ungerechtigkeit Betroffenen wieder Vertrauen in ihre jeweiligen Gesellschaften haben können, potenzieren sich die Forderungen. Protest ist ab einem gewissen Punkt dementsprechend auch immer ein Drahtseilakt – zwischen Fanatismus auf der einen und einer Fragmentierung und Verflüchtigung des Protests auf der anderen Seite. Am tiefgreifendsten sind die Proteste, die eine fundamentale Veränderung herbeiführen, die bis in die hintersten Winkel einer Gesellschaft hinein wirken, eine Revolution im Sinne einer Bewegung, die weitreichende Neuerungen in einer kurzen Zeitspanne umzusetzen vermag und weit über den historischen Horizont des tatsächlich stattfindenden Protests hinaus wirkt.

 

Die Ausstellung Freiheit und Baum der Künstlerin Latifa Echakhch in der Kunsthalle Mainz ruft bereits mit ihrem Titel Assoziationen an die bekannteste Revolution der jüngeren europäischen Geschichte wach. Der Ausruf der Freiheit – „Liberté“ –  war eine der drei wesentlichen Forderungen der französischen Revolution und bildete zusammen mit dem Ruf nach Gleichheit – „Égalité” –  und Brüderlichkeit –  „Fraternité” – sowohl das Motto der Revolution als auch das Fundament der 1789 verkündeten Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

 

In Latifa Echakhchs aufgespanntem Kosmos trifft die Mainzer Revolution, die programmatisch eng mit der Französischen Revolution verbunden ist, auf Protestbewegungen der Gegenwart, persönliche Erinnerungen der Künstlerin und auf kollektive Erinnerungen, die eine Gesellschaft prägen. In der Turmebene I werden ergänzend Videoarbeiten von Künstler*innen gezeigt, die Protestbewegungen begleiten, miterleben oder anzetteln. Jede der Videoarbeiten erweitert die Ausstellung Freiheit und Baum um neue Perspektiven, Einblicke und Gedanken.

 

Ahmet Öğüt, The Missing T, 2018, Einkanal-Video, Farbe, Ton, 10 Min, Courtesy the Artist

Im mexikanischen Tulum trifft der Künstler Ahmet Öğüt ein Gruppe Polizisten, die gegen die dortigen Arbeitsbedingungen protestierten und daraufhin entlassen wurden. Damit dreht sich das typische Bild von Protestierenden und Gegenseite um. Die Berichterstattung der Polizisten ist mit der fiktiven Erzählung um den vermissten Buchstaben „T“ des Stadtnamens, der von einem Wahrzeichen entfernt wurde, verbunden.

 

Yael Bartana, Zamach (Assassination), 2011, Einkanal-Video, Farbe, Ton, 35 Min., Courtesy the Artist and Annet Gelink Gallery, Amsterdam

Aufgrund eines Attentats gerät die polnische Gesellschaft in der fiktiven Erzählung der Künstlerin Yael Bartana in Aufruhr. Begleitet von Protesten loten Protestierende und Gegenseite die Möglichkeit eine multinationalen Gemeinschaft auf. Der Film ist der letzte aus einer Trilogie, die im polnischen Pavillon der 52. Venedig Biennale gezeigt wurde und eine jüdische Renaissancebewegung bei ihrem Aufstieg und Fall begleitet.

 

Hiwa K., DO YOU REMEMBER?, 2017, Einkanal-HD-Video, Farbe, Ton, 4:51 Min, Courtesy the Artist and Prometeogallery di Ida Pisani, Mailand

Die Videoarbeit DO YOU REMEMBER? zeigt den Künstler und eine lokale Protestgruppe aus der Stadt Slemani, gelegen im nördlichen Irak. Mit Hilfe von Lupen brennen sie auf einem öffentlichen Platz nach und nach Sätze und Seiten aus Büchern heraus. Mit dieser Aktion erinnern sie an die Proteste, die zwei Monate zuvor gewaltsam unterbunden wurden: Die öffentlichen Demonstrationen wurden von der Regierung verboten und die hölzerne Bühnenkonstruktion, von der aus die Aktivist*innen Ansprachen gehalten haben, niedergebrannt.

 

Fade into You – Videoscreeningreihe

 

Die Reihe Fade into You zeigt ausstellungsbegleitend Einkanal-Videoarbeiten, die sich vertiefend mit den Themen der Ausstellungen auseinandersetzten und spannende etablierte aber auch neue Positionen der Videokunst ausstellt. Seit 2012 besteht die Reihe, deren Titel sich vom filmwissenschaftlichen Begriff der Blende ableitet. Immer wieder sind Künstler*innen zum Gespräch über ihre Werke eingeladen und es gibt besondere Screenings im Rahmen von Kooperationen.

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Künstler*innen der vergangenen Episoden in alphabetischer Reihenfolge:

Akram Zaatari, Beirut Exploded Views, 2014
Anna Witt, Geld zu finden, 2012
Anri Sala, Intervista, 1998
Bertille Bak, Urban Chronicles, 2011
Bettina Pousttchi, Double Empire, 2000
Bettina Pousttchi, Line, 2005
Bettina Pousttchi, Ocularis, 1999
Bettina Pousttchi, Reset, 2001
Bjørn Melhus, The Meadow, 2007
Bjørn Melhus, Das Badezimmer, 2011
Brice Dellsperger, Body Double 22, 2010
Camille Henrot, Coupé / Décalé, 2010
Camille Henrot, Million Dollars Point, 2011
Camille Henrot, Grosse Fatigue, 2013
Christian Jankowski, Die Jagd, 1998
Chris Marker, La Jetée, 1962
Clemens von Wedemeyer, Found Footage, 2008-09
Corinna Schnitt, Schönen, guten Tag, 1995
Cory Arcangel, Drei Klavierstücke, op. 11, 2009
Cyprien Gaillard, Pruitt Igoe Falls, 2009
Daniel Buren, Interruption, 1969
Daniel Buren, Mexique, 1959
Deimantas Narkevičius, The Role of a Lifetime, 2003
Fernando Sánchez Castillo, Pegasus Dance, 2007
Fiona Tan, Island, 2008
Francis Alÿs, Re-Enactments, 2000
Ger van Elk, The Flattening of the Brook's Surface, 1972/2002
Gerard Byrne, 'Homme à femmes (Michel Debrane)', 2004
Gillian Wearing, 10-16, 1997
Gillian Wearing, I Love You, 1999
Gillian Wearing, Trauma, 2000
Günther + Loredana Selichar, GT Granturismo, 2001
Guy Maddin, Send Me to the 'Lectric Chair, 2009
Halil Altındere, Wonderland, 2013
Harun Farocki, Nicht löschbares Feuer, 1969
Helen Marten, Orchids, or a hemispherical bottom, 2013
Isa Rosenberger, Vladimir’s Journey (The Captain), 2013
Joan Jonas, Upsidedown and Backwards, 1980
Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, Barmeh, 2001
Jochen Kuhn, Exit, 2008 / Sonntag 3, 2012
John Bock, Im Schatten der Made, 2010
John Skoog, Federsee, 2013
John Smith, Flag Mountain (Southern Nicosia, looking towards the border with the Turkish Republic of Northern Cyprus), 2010
Jonathan Vinel, NOTRE AMOUR EST ASSEZ PRUISSANT, 2014
Jordan Wolfsonm Infinite Melancholy, 2003
Julius von Bismarck, Irma To Come In Earnest, 2017
Julius von Bismarck: Punishment I, 2011
Klaudia Stoll und Jacqueline Wachall, High Heel Obsession, 2012
Lamia Joreige, Nights and Days, 2007 / Full Moon, 2007
Léandre Bernard-Brunel, Colorature, 2012
Lina Sieckmann und Miriam Gossing, One Hour Real, 2015–16
Liz Magic Laser, The Thought Leader, 2015
Maisie Maud Broadhead & Jack Cole, An Ode to Hill and Adamson, 2012
Marcel Dzama, Death Disco Dance, 2011
Marcel Odenbach, Im Schiffbruch nicht schwimmen können, 2011
Marcondes Dourado Barbosa, Ogodô Ano 2000, 1996
Maria Lassnig, Baroque Statues, 1970-74 / Art Education, 1976
Marko Schiefelbein, FREEDOM TO MOVE, 2013
Martha Rosler, Semiotics of the Kitchen, 1975
Marvin Gaye Chetwynd, The Walk to Dover, 2005-2007
Matt Pyke, Hype Circle: Machine Learning, 2018
Matthew Barney, Cremaster 2, 1999
Matthias Müller & Christoph Girardet, Phoenix Tapes #1-#6, 1999
Maya Deren, A Study in Choreography for Camera, 1946
Monika Huber, Captured, 2014
Mwangi Hutter, The Cage, 2009
Nathalie Djurberg, The Mad Tea Party, 2004
Nathalie Djurberg, New Movements in Fashion, 2006
Nicholas Mangan: Nauru – Notes from a Creaceous World, 2010
Nicole Six & Paul Petritsch: Räumliche Maßnahme 1, 2003
Oliver Pietsch: Because, 2008
Ori Gersht: Big Bang, 2006
Ori Gersht, The Forest, 2005
Pascal Magnin, Reines d’un Jour, 1996
Pauline Bastard, Hollywood Childhood, 2011
Peter Land, The Lake, 1999
Peter Tscherkassky, The Exquisite Corpus, 2015
Peter Watkins, Forgotten Faces, 1961
Peter Weibel und Hotel Morphila Orchester, Wir sind Daten, 2013
Pipilotti Rist, I’m Not the Girl Who Misses Much, 1986
R. M. Naeem, Mutability, 2013 / 6th May 2013 (Father‘s Day), 2013
Reynold Reynolds, The Lost, 2011-2013
Richard Billingham, Fishtank, 1998
Roman Signer: Punkt, 2006 / Einbruch im Eis, 1985
Rosalind Nashashibi, Eyeballing, 2005
Roz Mortimer, Wormcharmer, 1998
Sebastian Gräfe, Mit dem Meer spazieren gehen, 2008
Sharon Hayes, 10 min of Collective Activity, 2003
Shelly Nadashi, A Place for Commas and Dots, 2013
Simon Wachsmuth, Regen/Rain, 2000
Sofia Hultén, Grey Area. 12 Attempts to hide in an office environment, 2001
Stan Douglas, Suspiria, 2003
Stanya Kahn, Arms Are Overrated, 2012
Suzie Silver, A Spy (Hester Reeve Does the Doors), 1992
Sven Johne, Wissower Klinken, 2007
The Otolith Group, Hydra Decapita, 2010
Tracey Moffatt, Nice Coloured Girls, 1987
Ulla von Brandenburg, Chorspiel, 2010
Ulu Braun, Forst, 2013
Ulu Braun, BIRDS, 2014
Ursula Biemann, Deep Weather, 2013
Ursula Biemann, Subatlantic, 2015
Walid Raad / The Atlas Group: I only wish that I could weep, 1997/2002
Yvonne Rainer, Trio A, 1978

 

Shortcuts – Kurzfilmreihe

In Kooperation mit der Fachschaft Filmwissenschaft der JGU Mainz wird ein Programm alter und neuer Kurzfilme gezeigt, die einen künstlerisch experimentellen Ansatz verfolgen und zu Diskussionen einladen. 

 

Wir danken dem AStA der JGU Mainz für die freundliche Unterstützung. 

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ShortCuts #1

Lukas Marxt & Marcel Odenbach, Fishing is not done on Tuesdays, 2017
Lukas Marxt, Imperial Valley (cultivated run-off), 2018
Lukas Maxt, Circular Inscription, 2016
Lukas Marxt, Black Rain White Scars,
2014

 

ShortCuts #2

Laida Lertxundi, 025 Sunset Red, 2016
Laida Lertxundi, Llora Cuando Te Pase / Cry When it Happens, 2010
Bruce Baillie, To Parcifal, 1963

 

ShortCuts#3 

NEOZOON Collective, GOOD BOY - BAD BOY, 2013 
Harun Farocki, Parallel IV, 2014 
Laure Prouvost, We Know We Are Just Pixel, 2015
Bernd Lützeler & Guido Möbius, Batagur Baska, 2016 
Laurie O'Brien, Fractured, 2017 
Nikita Diakur, Ugly, 2017,
Jannis Lenz, WANNABE, 2017 

in Kooperation mit dem Mainzer Filmsommer

 

ShortCuts #4

Ute Aurand, Am Meer, 1995
Ute Aurand, Halbmond für Margaret, 2004
Ute Aurand, Kopfüber im Geäst, 2009
Ute Aurand, Four Diamonds, 2016
Ute Aurand, Lisa, 2017, u.a.

 

ShortCuts #5

Yael Bartana, Mary Koszmary/Nightmares, 2007
Roee Rosen, Two Women and a Man, 2005
Dara Birnbaum, Technology Transformation: Wonder Woman, 1978/79
Zach Blas, Jubilee 2033, 2018

 

ShortCuts #6

James Edmonds, Movement and Stillness, 2015
James Edmonds, Seasons/Patterns, 2018/19
James Edmonds, Overland, 2016
James Edmonds, A Return, 2018

 

ShortCuts #7

Angelica Germanà Bozza, Anniversary (Salveger), 2018
Elliot Blue, Home?, 2018
Hussen Ibraheem, Sweet Discomfort of Missed Connections, 2018
Scarlett Nimz, Wenn Angst die Arme vor deinem Verstand verschlägt, 2018
Savio Debaris, Happy Birthday, 2018

Stan Brakhage, Dog Star Man: Prelude, 1962
In Kooperation mit dem Visionär Film Festival Berlin

 

ShortCuts #8

Christiane Gehner, Programmhinweise, 1970
Helke Sander, SUBJEKTITÜDE, 1966
Magdalena Chmielewska, Am Himmel, 2018
Erik Schmitt, Forever Over, 2014
Deborah Stratman, Vever (For Barbara), 2018

 

ShortCuts #9

Gunter Deller, Schattengrenze, 1999
Gunter Deller, Eisgrub, 2004
Gunter Deller, Light My Fire, 2013
Gunter Deller, Fragile Fossile, 2014
Gunter Deller, One Another, 2017
Gunter Deller, Killer Instinct, 16mm

 

ShortCuts #10

Cecilia Mangini, La canta delle marane, 1961
Robert Führer, Autojagd, 1978
u.a.