Joachim Koester – The way out is the way in
28/11/20—07/03/21

„Wenn wir ein Kunstwerk wahrnehmen, geschieht das entlang einer Kette von Übereinstimmungen, Verbindungen und Verknüpfungen. Natürlich verbinden wir uns auch über die Gefühlsebene mit der Kunst, doch sobald wir anfangen über ein Kunstwerk nachzudenken oder zu sprechen, kreieren wir ein Netzwerk potenzieller Bedeutungen.”

Joachim Koester

 

„Wahrnehmung“, „Bewusstsein“ und „Vernetzungen“ sind die entscheidenden Konstanten in Joachim Koesters Denken und Schaffen. Sie bilden gleichermaßen Impuls wie Ergebnis seiner künstlerischen Arbeit. Seine Fotografien, Video-, Soundarbeiten und Installationen kommen formal sehr reduziert daher, fächern sich aber Schritt für Schritt in ihrem immensen, netzwerkhaften Bedeutungsspektrum auf.

Sie erzählen von Menschen, die durch den Biss der Tarantel zu Körperbewegungen animiert werden und geradewegs in die Entrückung zu steuern scheinen; von Gottesabeterinnen, die nahezu in ihrer Umgebung aufgehen; von Phantasiereisen, die an einen Ort aufgegebener Zukünfte führen oder von den charakteristischen Oberflächenstrukturen von Kokain- und Marihuanapartikeln, die fern der direkten menschlichen Wahrnehmung liegen. Formen der Entgrenzung – der Übergang von Tier zu Pflanze oder von Tier zu Mensch – und Grenzerfahrungen – wie das Zeichnen unter Einfluss des Halluzinogens Meskalin oder das Erreichen neuer Bewusstseinszustände mittels Meditation – bilden den roten Faden durch die Ausstellung The way out is the way in. Welche Methoden und Hilfsmittel gibt es, die Beschränkungen des eigenen Körpers, des Denkens temporär hinter sich zu lassen? Was resultiert aus derartigen Erfahrungen – welche Bewegungen, Gedanken, Handlungen oder Bilder?

Das Verhältnis zwischen physischen und mentalen Erlebnissen, das körperliche Wahrnehmen und Verstehen sowie deren Einfluss auf das geistige Durchdringen und umgekehrt reizen Joachim Koester seit jeher. Der Stimulation bestimmter Hirnareale steht das Herunterfahren anderer Regionen gegenüber. Welche Bereiche unseres Gehirns nutzen wir? Können neue Erfahrungen, kann eine künstlerische Arbeit neue Reize auf selten aktivierte Hirnareale, aber auch Körperregionen ausüben?

Das Übertreten unterschiedlich gearteter Schwellen zeigt sich ebenso in den Gesängen (beinahe) ausgestorbener Vögel wie in einem planetaren System, dem Objekte verschiedener Herkunft, Gattung und Zeitalter zugewiesen werden. Die neuen Bezüge, die hieraus entstehen, sind genauso assoziativ wie sie zu eigenen Verknüpfungen anregen. Die subjektive Wahrnehmung und das Bewusstsein der Besucher*innen sind gleichermaßen zentral wie diejenigen der Protagonist*innen der Werke und des Künstlers. Tiere, Gesteine, Pflanzen bilden im Zusammenspiel mit Planeten eine Konstellation, die von der Mnemotechnik des Gedächtnispalasts inspiriert ist. Es entstehen Bezüge, Kategorisierungssysteme, eine Kunstausstellung verwandelt sich in einen alternativen Gedächtnispalast. Ein Schritt hinaus führt wie auf einer unendlichen Spirale zurück in ein neues Universum – The way out is the way in.

Der Gang durch Joachim Koesters Ausstellung ähnelt dem Streifzug durch vernachlässigte, verlassene oder unbekannte Ortschaften – der Psyche, des Körpers, der Stadt, dem Kosmos. Der Künstler selbst bezeichnet den Rezeptionsprozess der Werke als „Einatmen der Ausstellung“: Räume und Werke körperlich erfassen; aufnehmen, was die Atemzüge in die Sinne treiben.